Erfahrungsberichte

FSJ Erfahrungsbericht Bild Sebastian Karl WG Bad Endbach
Foto | Sebastian Karl, WG Bad Endbach

Ein FSJ Erfahrungsbericht

Von Sebastian Karl, FSJ 2017/2018 in der WG Bad Endbach

FSJ in einer WG für junge Geflüchtete? - Du spinnst!

In diesem Bericht möchte ich über meine persönlichen Erfahrungen in der Zeit meines FSJ in der Wohngruppe Bad Endbach des St. Elisabeth-Verein e.V. Marburg erzählen. In der Wohngruppe werden seit 2014 insgesamt 8 minderjährige und mittlerweile junge volljährige Geflüchtete unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen betreut, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind.

Mehr » Zu Beginn meines FSJ haben mich viele Menschen aus meinem Bekanntenkreis gefragt: „Wie kannst du sowas machen, hast du keine Angst?“ Ich war von Anfang an ohne Vorurteile an das FSJ herangegangen und sagte nur: „Nein, warum sollte ich Angst haben? Ich habe keine Vorurteile.“ Und genau das hat sich während meines FSJ auch bestätigt. Viele dieser Jungs wurden im Nachhinein sogar wie Freunde für mich.

Das Jahr begann für mich relativ spontan, da ich nach meinem abgebrochenen Studium gerne etwas sinnvolles machen wollte. So entschied ich mich mit Hilfe des St. Elisabeth-Vereins für ein Freiwilliges Soziales Jahr in der WG Bad Endbach. In der WG leben zurzeit 8 männliche Jugendliche und junge Volljährige im Alter von 17-19 Jahren. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien und Eritrea. In der Vergangenheit sind bereits einige Jugendliche ausgezogen, einige von ihnen wohnen in eigenen Wohnungen und werden teilweise noch von den BetreuerInnen der Wohngruppe pädagogisch begleitet. Die jungen Menschen werden allesamt über verschiedene Jugendämter betreut. Die BetreuerInnen begleiten sie auf einem Weg hin zu einer selbstständigen Lebensweise in der Deutschen Gesellschaft. Einen großen Stellenwert nehmen dabei vor allem die schulische und berufliche Entwicklung sowie die Integration ins soziale Umfeld ein.

Meine täglichen Aufgaben bestanden darin, die Jungs in allen Belangen mit zu betreuen, Termine mit ihnen wahrzunehmen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen und im Haus für Ordnung zu sorgen. Dies ermöglichte es mir, viel Zeit mit den einzelnen Jugendlichen zu verbringen und viele Gespräche mit ihnen zu führen, wodurch ich sie und ihre Situation immer besser kennen lernen und verstehen konnte. Auch Freizeitaktivitäten, wie Fußballspielen, ins Schwimmbad gehen oder einfach mal Playstation Spielen, gehören zum Alltag in der Wohngruppe. Auch hier war es immer sehr interessant zu sehen, wie z.B. Fußball viele verschiedene Nationalitäten verbindet und dass es einfach Spaß macht, mit den Jungs auch lockere Sachen, die auch zum Leben in Deutschland dazu gehören, zu unternehmen.

Unsere Jungs hier gehen alle zur Schule oder beginnen eine Ausbildung, jeden Tag wird über die Schule geredet und für sie gelernt, damit sie mindestens den Hauptschulabschluss schaffen. Und das schaffen die meisten Jungs, gerade weil sie sehr fleißig lernen und sich stark auf die Schule konzentrieren. Das Lernen mit ihnen hat immer sehr viel Spaß gemacht und ich war manchmal beeindruckt davon, wie schnell sie es schaffen, die Deutsche Sprache zu lernen. Für die Jungs ist das ein wichtiger Baustein ihrer Integration. Des Weiteren machen die Jugendlichen viele Praktika, um sich beruflich zu orientieren und ein Gefühl dafür zu bekommen, welchen Voraussetzungen sie im Arbeitsleben begegnen werden.

In der WG wohnen sowohl christliche als auch muslimische Jugendliche. Wenn man den Jugendlichen bei ihren Gesprächen über ihre Religionen zuhört, merkt man erst, wie wichtig diese für sie sind und wie viel Halt diese ihnen geben. Untereinander herrscht großer gegenseitiger Respekt vor den Religionen. In der Wohngruppe nimmt die Ausübung der Religion dementsprechend ebenfalls viel Raum ein, Feste und Feiertage werden gemeinsam gefeiert und reflektiert. So entsteht ein grundlegendes Klima der gegenseitigen Akzeptanz und Offenheit.

Für mich war das FSJ eine schöne Möglichkeit zu erleben und zu erfahren, dass man keine Angst vor „Fremden“ haben muss. Diese „Fremden“ haben Geschichten zu erzählen, und wenn jeder diese Geschichten anhören würde, würde es zu weniger Missverständnissen kommen.

Des Weiteren geben uns diese Jugendlichen auch viele Möglichkeiten, unseren eigenen Horizont zu erweitern und auch mal über den „Tellerrand“ hinauszuschauen und sich mit den für uns neuen Kulturen auseinanderzusetzen. Ich zum Beispiel habe eine ganz neue Art und Weise des Essens und Kochens von den Jungs gelernt. Hier stehen beim Essen der Respekt vor dem Essen und die Gemeinschaft beim Essen ganz klar im Vordergrund. Auch während des Ramadan war es für mich sehr wertvoll zu sehen, wie sehr sich die muslimischen Jungs an diesen Fastenmonat halten und danach leben. Diese Konsequenz würde ich mir persönlich manchmal auch in Bereichen meines Lebens wünschen. Abschließend steht die Dankbarkeit, die uns die Jugendlichen für unsere Hilfe geben. Diese Dankbarkeit lässt allen Arbeitsstress vergessen und zeigt, dass man für das, was man tut, auch etwas zurückbekommt.

Zuletzt möchte ich mich auch hier bei allen Jungs bedanken und ihnen das Beste für ihre Zukunft in Deutschland wüschen und hoffe, dass sie ihren Weg ohne Fremdenhass gehen können. Ich hoffe, ich habe Sie, liebe LeserInnen, dazu angeregt, sich selbst ein Bild zu machen und sich zu öffnen für ein Zusammenleben in Gemeinschaft und Frieden mit geflüchteten Menschen. Denn das ist genau das, was diese Menschen sich wünschen, nach all den Entbehrungen und Anstrengungen, die sie auf sich nehmen mussten, um nach Deutschland zu kommen.

Sebastian Karl